Viele Autoren wurden vom Regime nur geduldet


Die Literatur, die nach der Besetzung in der Slowakei erschien, war nicht vollständig regimekonform. Von Seiten der Politiker und Kulturideologen existierte eine ganze Bandbreite an Beziehungen zu den einzelnen Autoren - von Anerkennung (und Auszeichnungen) bis hin zur Ächtung. Viele Autoren wurden vom Regime nur geduldet, wie z. B. der Schriftsteller Alfonz Bednár oder der Dichter Milan Rúfus. Alfonz Bednár (1914 - 1989) versuchte schon 1954 (mit dem Roman Sklený vrch [Der Glasberg]) die slowakische Prosa von der eisernen Decke der Ideologisierung der Wirklichkeit zu befreien. Einen weiteren Schritt in diese Richtung machte er im Novellenband Hodiny a minúty (Stunden und Minuten, 1956). Seine Saga über die Vergenossenschaftung des slowakischen Dorfes konnte erst nach dem Fall 1989 komplett erscheinen (Role I. - IV. [Feld I. - IV.], 1992). Die sozialistische Gegenwart in der Zeit der Normalisierung hinterleuchtete er kritisch in der satirischen Trilogie Za hrsť drobných (Eine Handvoll Kleingeld, 1970, 1974, 1981) als eine emotionell ausgetrocknete Welt von Stereotypen, in der sich die Menschen vor allem von niedrigen, egoistischen Beweggründen leiten lassen. Auch andere epische Werke A. Bednárs dieser Zeit klingen ähnlich. Milan Rúfus (1928) bereicherte die slowakische Poesie durch sein dichterisches Schaffen um den ethischen Pathos und erneuerte so ihre geistige Sendung. Sein Buchdebüt Až dozrieme (Bis wir reifen, 1956) war auch ein moralischer Appell an die Gesellschaft und die Kunst, die aufhören muss, im Namen höherer ideologischer Prinzipien zu täuschen. Auch unter den verhärteten Verhältnissen behielt sich Milan Rúfus seine ursprüngliche Lebensphilosophie, die im Humanismus und im Schutz des Menschen vor der Gefühlskälte der Welt verankert ist, und seine Poetik, die auf dem biblischen Symbolismus und der religiösen Formenlehre gründet (Stôl chudobných [Der Tisch der Armen], 1972; Prísny chlieb [Strenges Brot], 1987 u. a.). Diese beiden Linien verstärkten sich in seinem Schaffen nach 1989 (Neskorý autoportrét [Spätes Autoporträt], 1996; Čítanie z údelu [Das Lesen aus dem Schicksal], 1992; Žalmy o nevinnej [Psalmen über eine Unschuldige], 1997 und weitere).
           Die harte Politik der Normalisierung "weichte" Ende der 70er Jahre auf und es konnten auch einige der Autoren in die Literatur zurückkehren, die bisher schweigen mussten, z. B. der Dramatiker Peter Karvaš oder die Schriftsteller Ladislav Ťažký und Anton Hykisch. Im dramatischen Schaffen der 60er Jahre lehnte sich Peter Karvaš (1920 - 1999) gegen die stalinistische Deformation durch das Regime auf, aber sein Protest galt auch der geringen Widerstandskraft des Menschen, diese Deformationen abzuwehren (Antigona a tí druhí [Antigone und die anderen], 1961; Jazva [Die Narbe], 1963; Veľká parochňa [Die große Perücke], 1964; Experiment Damokles [Das Experiment Damokles], 1966; Absolútny zákaz [Absolutes Verbot], 1969). Sein zweiter - gestatteter - Eintritt in die Literatur geschah nur durch seine schriftstellerischen Werke (ein Roman aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs Noc v mojom meste [Die Nacht in meiner Stadt], 1979). Als Dramatiker durfte er erst nach dem Fall des kommunistischen Regimes wieder auf die Bühne. Ladislav Ťažký (1924) knüpfte mit dem Roman Evanjelium čatára Matúša (Das Evangelium des Brigadiers Matúš, 1979) an seinen erfolgreichen Kriegsroman Amenmária (1964) an und führte in ihm die Geschicke seines Helden Matúš Zraz zu Ende, dem Jungen aus einer kommunistischen Familie, den das Regime des Slowakischen Kriegsstaats zwang, gegen die Sowjetunion zu kämpfen, weshalb ihn Gewissensbisse plagen. Anton Hykisch (1932) wollte in seinem Schaffen nicht mehr in die Gegenwart zurückkehren, obwohl er einmal Führer der Generation 1956 war, sondern er konzentrierte sich auf die sichere Geschichte (Čas majstrov [Zeit der Meister], 1977; Milujte kráľovnú [Es lebe die Königin], 1984).
           Allmählich fand die Literatur Kraft zur inneren Erneuerung. Die Versuche der Kulturpolitik um eine Einführung, eine neue, historisch ungebundene Alternative des sozialistischen Realismus scheiterten. Die Autoren ließen sich nicht dazu bewegen, vor allem zu den gegenwärtig aktuellen Themen im Geist der Normalisierung zu schreiben. Die literarischen Tendenzen konnten - zumindest teilweise - an die Zeit vor der Besatzung anknüpfen. Die jungen Autoren, vorher um die Zeitschrift Mladá tvorba (1956 - 1970) versammelt, reiften künstlerisch und menschlich. Die Schriftsteller Vincent Šikula, Peter Jaroš, Ladislav Ballek, und der jüngere Ivan Habaj präsentierten sich mit umfangreichen Romankompositionen. Vincent Šikula (1936 - 2001) trat in die slowakische Literatur mit Erzählbänden, in denen er die Menschlichkeit hinter der sozialistischen Wirklichkeit suchte. Anstelle aktiver, das leuchtende Morgen schaffender Helden führte er in seine Handlungen Kinder, Greise, Leute vom Rand der Gesellschaft und mental behinderte Personen (S Rozarkou [Mit Rosarka], 1966). Im Romanschaffen der 70er Jahre (Majstri [Meister], 1976; Muškát [Pelargonie], 1977; Vilma, 1978) entschloss er sich, seine Figuren in den Fluss der Geschichte zu schicken (Zweiter Weltkrieg, Slowakischer Nationalaufstand) und ihre Humanität in menschlichen Grenzfällen und ideologisch gegensätzlichen Situationen zu überprüfen. Peter Jaroš (1940) kehrte nach einem längeren auffälligen Kokettieren mit modernen Gedanken und künstlerischen Richtungen (Existentialismus, französischer Neuer Roman) in den Romankompositionen (Tisícročná včela [Tausendjährige Biene], 1979; Nemé ucho, hluché oko [Stummes Ohr, taubes Auge], 1984) zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurück und zeichnete einige Generationen von Maurerfamilien, um den Leser davon zu überzeugen, dass sich die Slowaken stets dem Aufbauen (und nicht dem Zerstören) widmeten und dass die Geschichte eine Geschichte der Arbeit und nicht eine der Kampfhandlungen ist. Ladislav Ballek (1941) und Ivan Habaj (1943) erweiterten die Landkarte der Slowakei um weitere Regionen. Sie konzentrierten sich auf den slowakischen Süden (Ballek: Pomocník [Der Geselle], 1977; Agáty [Akazien], 1981 - Habaj: Kolonisti I. - III. [Kolonisten I. - III.], 1980 - 1986), wo zwei Nationalitäten zusammentreffen - das Slowakische und das Ungarische, und demonstrierten deren Zusammenleben, das sich durch Spannungen und freundschaftliche Beziehungen auszeichnet, wie es sich im Lauf der Geschichte verhielt. Die ideologische Grundlage für Balleks Romane ist die Verstärkung der Multinationalität und Multikulturalität, wie sie für Mitteleuropa charakteristisch ist.
           Alle angeführten Schriftsteller polemisierten verdeckt oder offen mit der offiziellen Geschichtsauffassung, wie sie durch die Politiker und marxistischen Geschichtswissenschaftler vertreten wurde. Vincent Šikula hinterfragte die Bedeutung und den Sinn des Slowakischen Nationalaufstands (1944), der die slowakische Gesellschaft entzweite, und versuchte Gemeinsamkeiten zu finden und die geteilte Wirklichkeit wieder zu vereinen. Es gelang ihm, da er die menschliche Seite in den Mittelpunkt stellte und so das Prinzip der Humanität in den Vordergrund rückte. Ähnlich interpretierte Anton Baláž (1943) das Geschehen des Aufstands (und weitere geschichtliche Meilensteine) in den Romanen Sen pivníc (Traum der Keller, 1977) und Tiene minulosti (Schatten der Vergangenheit, 1978). Dabei muss hervorgehoben werden, dass die erwähnten historisierenden Tendenzen auch ein Resultat der 1968 geänderten, nun föderativen Ordnung der Tschechoslowakischen Republik waren. Obwohl es nur einen formellen Akt darstellte, da die Föderation im totalitären System nicht funktionierte und die Besatzung weiterhin andauerte, verstärkte diese Tatsache allein das Nationalbewusstsein der Slowaken und in den angesprochenen Romanen befindet sich auch ein Teil dieses erneuerten Bewusstseins.
           Die Dichtersprache, die sich in den 60er Jahren im Rahmen der Zeitschrift Mladá tvorba (1956 - 1970) entwickelte, löste sich zusehends auf. Der Dichter Milan Rúfus (1928) blieb mit seiner Sprache dem hohen moralischen Auftrag des dichterischen Schaffens treu. Miroslav Válek (1927 - 1991), einer der größten Dichtertalente und Führer in den 60er Jahren (seine Gedichtsammlungen Dotyky [Berührungen], 1959, Príťažlivosť [Anziehungskraft], 1961, Nepokoj [Unruhe], 1963, Milovanie v husej koži [Lieben in Gänsehaut], 1965 bedeuteten eine eindeutige lyrische Erneuerung und waren unumstrittene Literaturereignisse), wurde Kulturminister und Befürworter der Normalisierungspolitik, jedoch mit großer Rücksicht auf literarische Werte. So klang es in seinem Poem Slovo (Das Wort, 1976), das unter Vorbehalt der damaligen Situation zustimmte. Die Gruppe der sogenannten Konkretisten (oder Trnavaer Gruppe), die sich mit ihren Manifesten auf den Seiten der Mladá tvorba in die slowakische Poesie einführte (Ján Stacho, Ľubomír Feldek, Ján Ondruš, Jozef Mihalkovič, Ján Šimonovič), entsagte dem ideologischen Wirken durch die Poesie. Sie verweigerte den "Personenkult" und die stalinistische Deformation (genauso wie M. Rúfus und M. Válek) - sie ignorierte es einfach. Dafür nahm sie die lyrische Moderne und die Avantgarde des 20. Jahrhunderts wahr, an die sie bewusst anknüpfte. Anstelle der ideologischen Botschaft hob sie die "moderne Wahrnehmung" hervor. Die sogenannte Wahrheit in der Kunst verstand sie als "wahrhaftige Metapher". Nach den Konkretisten soll ein Gedicht vor allem erregen. Dies lässt sich am besten dadurch erreichen, indem der Dichter unmittelbar nach der Realität greift und aus ihr die lyrischen Bilder herauslöst, ohne eine ideologische "Vermittlung". In den weiteren Jahrzehnten verließen die einzelnen Autoren einige in ihren Manifesten präsentierten lyrischen Prinzipien, verstärkten ihre Bindung an die Gesellschaft, äußerten sich zu menschlichen und gesellschaftlichen Problemen, ohne sich jedoch von der subjektiven Überzeugung zu lösen, dass ein Gedicht vor allem ein erregendes ästhetisches Faktum sei. Die Schicksale der Gruppenmitglieder nahmen einen tragischen Verlauf: Ján Ondruš hörte auf zu publizieren und ging in die Psychiatrie, Ján Stacho blieb nach einem schweren Unfall ans Bett gefesselt und musste in der Lyrik von vorne anfangen, Ľubomír Feldek wechselte zu Schriftstellerei und Drama, nur Jozef Mihalkovič und Ján Šimonovič blieben der Lyrik treu; Ján Šimonovič erlag jedoch schon bald dem Druck der Normalisierung.
           Die radikalere Gruppe der Osamelí bežci (Einsame Läufer, Ivan Štrpka, Peter Repka, Ivan Laučík) löste das neue politische Regime gleich zu Beginn der Normalisierung auf. Peter Repka emigrierte, Ivan Laučík hörte für zwei Jahrzehnte auf zu publizieren und Ivan Štrpka schrieb Liedtexte.