Blažková, Jaroslava (1933) PORTRäT DER PERSöNLICHKEIT
Kurz über den Autor
Eine hervorstechende Persönlichkeit der Generation 56, einer Gruppe junger Autoren, die nach Ende des Personenkults und im anschließenden politischen Tauwetter, dessen Frucht auch die Entstehung der Zeitschrift
Mladá tvorba war, in die Literatur eintraten. In der
Mladá tvorba begann sich die Literatur des Alltags durchzusetzen, Themen, die mit ihrem Gesellschaftsbezug, ihrer Spontaneität, ihrer neuen Sprache und vor allem ihrer neuen Wirklichkeitssicht junge Leser anzusprechen vermochten. Und am ausdrucksvollsten, mit dem größten Leserecho äußerte sich gerade Jaroslava Blažková. Ihre in Zeitschriften veröffentlichten Erzählungen sind thematisch wie stilistisch neuartig, an Stelle des Pathos oder Sentiments der vorhergehenden Generation ist ihre Sprache expressiv, sie bedient sich der Umgangssprache, des städtischen und studentischen Slangs, die Geschichten mit Ironie und Selbstironie des Erzählers durchsetzt. Alle diese Kennzeichen eines neuen Blicks auf die Realität finden sich auch in ihrem Buchdebüt
Der Nylonmond. Die Titelnovelle, die besonders erfolgreich bei den Lesern war und auch die Vorlage für den gleichnamigen Film lieferte, erzählt die Geschichte der jungen Architektin Vanda. Die unkonventionelle Heldin und deren "Freiheit der Wahl" auch auf erotischem Gebiet zog eine bedeutende Veränderung in der "Emanzipation" weiblicher Helden nach sich und kennzeichnete die Zunahme feministischer Themen in der slowakischen Prosa. Die Rebellion Blažkovás jugendlicher Heldinnen gegen die Konventionen der Zeit ist der thematische Schwerpunkt auch des nächsten Erzählungsbandes
Lämmchen und die Granden. Darin enthalten ist auch die Prosa
Eine Erzählung voller Schnee. Die unkonventionelle Sicht der Autorin auf das tabuisierte Gebiet der erotischen Beziehungen zwischen Frau und Mann, ihre Entscheidung für die Freiheit der Wahl in diesen Beziehungen löste eine stürmische Polemik aus. Auf der Grenze zwischen der Literatur für Erwachsene und der Literatur für die reifere Jugend steht der Roman
Mein prima Bruder Robinson. Er behandelt die Beziehung zweier charakterlich unterschiedlicher Brüder, des agileren Robinson und des tiefgründigeren Budy, der auch der Erzähler ist. In der prosaischen Welt von BlaÏkovás Kinderbüchern, die parallel zu ihren Werken für Erwachsene entstanden, dominiert eindeutig der Humor, die Phantasie, die lebendige kindliche Sprache, die wirksame Verbindung eines poetischen Bildes des Lebens der Kinder mit dessen Erkennungsaspekt, wobei die Autorin beim Fabulieren der Geschichten für Kinder die genretypischen Methoden des Krimis, der Abenteuerliteratur, aber auch des Lehrbuches sehr geschickt nutzt. Auf dem schöpferischen Höhepunkt und bei ungebrochenem Interesse der Leserschaft tritt Ende der sechziger Jahre, nach ihrer Emigration, eine jähe und auf dem Gebiet der Kinderliteratur offenbar definitive Unterbrechung ihres Prosaschaffens ein. Eine Rückkehr in die slowakische Literatur, in den Kontext der modernen slowakischen Prosa stellen in den neunziger Jahren die Wiederauflagen ihrer Kinderbücher dar, eine Auswahl aus ihrem erzählerischen Werk der sechziger Jahre (
...wie aus einer Gratulationskarte) und das Buch
Die Hochzeit von Kanaan Galiläa. Außer der Titelgeschichte, die 1966 erschienen war und von der Autorin für diese Buchausgabe überarbeitet wurde, enthält der Band Erzählungen, die im Zeitraum der siebziger bis neunziger Jahre in Kanada entstanden waren. Es sind Geschichten über Frauen, sie befassen sich thematisch zumeist schon mit der kanadischen (amerikanischen)Realität, ihre Heldinnen sind jedoch, was Leben und Gefühl betrifft, mit der Welt verbunden, in der ihre Auffassung von der Welt und den überkommenen moralischen Werten geformt wurde. Das Buch schloß gewissermaßen den Autorenbogen von Blažkovás Prosa ab.
Kurze Charakteristik der Werke
Prosa:
Der Nylonmond (Nylonový mesiac, 1961),
Lämmchen und die Granden (Jahniatko a grandi, 1964),
...wie aus einer Gratulationskarte (...ako z gratulačnej karty, 1997, Prosauswahl),
Die Hochzeit zu Kanaan Galiläa (Svadba v Káne Galilejskej, 2001), Happyends (Happyendy, 2005)
Kinder-und Jugendliteratur:
Tóno, ich und die Ameisen (Tóno, ja a mravce, 1961), Mein Freund ist Käptn Haschaschar (Ostrov kapitána Hašašara, 1962), Feuerwerk für Großpapa (Ohňostroj pre deduška, 1962), Daduška und Jarabáč (1965), Wie sich die Katzen einen Fernseher kauften (Ako si mačky kúpili televízor, 1967), Mein prima Bruder Robinson (Môj skvelý brat Robinson, 1968), Geschichten aus der roten Socke (Rozprávky z červenej ponožky, 1969), Minka und Pyžaminka (Minka a Pyžaminka, 2003), Drei Nichtfurchter und der Geist Miguel (Traja Nebojsovia a duch Miguel, 2003)
ÜBERSETZUNGEN IHRER WERKE
Der Nylonmond (1961 tschechisch, 1962 deutsch, 1965 ungarisch, 1965 polnisch, 1966 slowenisch, 1968 estnisch, ukrainisch)
Mein Freund ist Käptn Haschaschar (1962 deutsch, 1964 tschechisch, 1965 polnisch, rumänisch, 1967 ungarisch, 1970 kroatisch)
Tóno, ich und die Ameisen (1964 tschechisch, bulgarisch, polnisch, 1965 ungarisch)
Wie sich die Katzen einen Fernseher kauften (erschienen in 12 Übersetzungen in fast allen europäischen Sprachen)
Lebenslauf
Geb. am 15. November 1933 in Velké Meziříčí (Mähren). Sie besuchte ab 1945 zunächst das Drtina-Gymnasium in Prag, danach das Mädchengymnasium in Bratislava. 1950 begann sie im Slowakischen Rundfunk zu arbeiten und studierte zur gleichen Zeit an der Philosophischen Fakultät der Komenský-Universität in Bratislava. Ab 1954 war sie Redakteurin der Tageszeitung
Smena. 1956 wurde sie aus politischen Gründen entlassen und fand eine Anstellung bei den Garten- und Erholungsdiensten der Stadt Bratislava. In dieser Zeit konnte sie nichts veröffentlichen. In 1959 begann sie als freiberufliche Journalistin und Schriftstellerin zu arbeiten. 1968 emigrierte sie nach Kanada,wo sich ihre Familie in Toronto niederließ. Dort arbeitete sie 1978 - 1989 für den Exilverlag
68 Publishers. 1988 zog sie nach Guelph in der kanadischen Provinz Ontario um, wo sie lebt. Seit 1971, als sie aus dem Verband der slowakischen Schriftsteller ausgeschlossen wurde, konnten bis Ende 1989 ihre Werke in der Slowakei nicht mehr erscheinen.
Über den Autor
Mit einer reichen Palette von Genreformen deckte sie einen breiten Leserkreis ab vom Vorlesealter über das jüngere und ältere Schulalter bis hin zur Pubertät und dem jungen Erwachsenenalter. Und das zeitliche Echo zeugt auch davon, daß sie mutig war im Aufwerfen von Problemen, originell in der Ausdruckstransformation. Ohne falsche Ehrfurcht zerstörte sie furchtlos künstlerische Konventionen, zerschlug mutig verkrustete ethische Normen... Sie wurde zu einem Symbol der Jugend, des Mutes, der Tat. Sie war Sprecherin nicht nur der eigenen Generation,sondern all derer, die sich nach einem freien schöpferischen Leben sehnten, nach wahrer gesellschaftlicher Gerechtigkeit.
Milan Jurčo
Ohne jegliche Neigungen, sich mit literarischer Manier auszuhelfen, evozierte sie die alltägliche Welt eines Kindes und sie schaffte es, diese Alltäglichkeit mit der Zauberhaftigkeit der kindlichen Fantasie zu füllen wie auch mit fröhlichem Licht, das alles verwandelt, was es berührt, dabei aber nichts verfälscht.
Bohuš Kováč
Autor über sich selbst
Mein Enkel wundert sich heute noch, wenn ich ihm ein Märchen erzähle, welch merkwürdiges Englisch die Großmutter spricht. Schriftsteller und Schauspieler sind auf die perfekte Kenntnis einer Sprache angewiesen, sie ist deren Instrument. Mit dem Schritt in die Fremde finden sie sich plötzlich, falls sie in der Fremdsprache nicht wirklich so ausgefeilt sind wie Milan Kundera, der von klein auf Französisch sprach, in einer schrecklichen Situation von Wut und Tränen wieder. Wer sich jedoch einmal dem Laster des Schreibens verschrieben hat, kann nicht anders, er schreibt.
Erhaltene Auszeichnungen
Preis des Verlags Slovenský spisovateľ für die beste Prosa des Jahres für die Novelle
Der Nylon Mond (1961)
Fraňo Kráľ Preis für die beste Kinder- und Jugendprosa für das Buch
Ein Feuerwerk für Großväterchen (1963)
UNESCO Preis - Ehrendiplom H. Chr. Andersen für das Buch
Ein Feuerwerk für Großväterchen (1964)
Preis des Verlags Mladé letá für die beste Prosa des Jahres für das Buch
Mein prima Bruder Robinson (1968)
Preis des Verlags Mladé letá "Für sprachliche Meisterschaft in der Kinderliteratur" für das Buch
Märchen aus dem roten Strumpf (1969). Dieser Preis wurde erstmals verliehen. Das Buch wurde gleich darauf eingestampft.
Preis des Kinderkulturzentrums Bibiana
Trojruža für das literarische Lebenswerk für Kinder (1999)